Donnerstag, 13. Januar 2011

alles geben, alles leben und dann - fallen

Wenn du aufhörst, von dir selbst zu reden, wird es niemand merken. Du verschreibst dich nicht der Stummheit, du lässt lediglich die wichtigen Details weg. Das, was auf dir lastet, was dir die Luft zum Atmen nimmt, was so schwer wiegt, dass du es niemals wirst von einem Ort zum anderen bewegen können.
Niemand wird die Veränderung bemerken. Du wirst sorgfältig vorgehen, aber nicht langsam. Du bleibst radikal, von einem Tag auf den anderen wirst du aufhören oder anfangen, je nach dem, was dir wichtiger erscheint. Es geht nicht um dich und nicht um die anderen, es geht um den Akt des Versteckens, Verschwindens, des In-den-Hintergrund-Tretens. Du wirst reden, vielleicht mehr als vorher, aber dich still abwenden, ohne dass es auffällt. Und keiner wird merken, dass du sagst, was du fühlst, hab keine Angst, dass die Tarnung auffliegt.
"Hast du nichts zu tun, ist dir langweilig?", fragen sie dich manchmal mit ironiegetränkten Stimmen. "Hab' ich wirklich nicht", willst du dann sagen, lachst aber nur, als wüsstest du, dass es ein Scherz war, eine harmlose Spielerei, ein Füllen der Zeit, der leeren Luft um euch herum.
Was dir bleibt, ist dein Lächeln. Und du wirst auch weiterhin bedauernd "Oh" sagen, wenn dir jemand erzählt, er hätte weinen müssen. Mitten am Tag, einfach mittendrin, mitten im Geschehen und im Rest Leben, das die Tränen übrig ließen. Du wirst "Oh" sagen und es vielleicht sogar so meinen, wirst deinen Blick senken, vielleicht ein bisschen näher rücken und das Leben aller anderen vor dir offenbaren lassen.
Du bist kein Samariter, du fühlst dich auch nicht so, dir ist auch einfach nicht danach. Du bist so, weil du nicht anders kannst. Weil du nicht mehr "Weißt du, es geht nicht" sagen kannst. Du kannst nicht mehr jammern und verzweifeln und auf Hände und Schultern und Worte hoffen und immer wieder - jedes Mal aufs Neue - so schrecklich enttäuscht sein, dass es dich überwältigt, dass du schwanken musst und dich festhalten. Es gibt nichts mehr zum Festhalten.

Lass einfach die Müdigkeit zu, die dich überfällt. Gib dich ihr ganz hin und lass dich einhüllen von der Stille, dem Nichts. Es wird besser, glaub mir.

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