Freitag, 4. Februar 2011

Notverriegelung

Du sagst, du magst Kontraste, und ich frag' mich, ob du von Menschen oder deiner Kleidung sprichst. Meinst du Charaktereigenschaften oder Haut und Haare? Du bist so - extrem. Lebst so intensiv, ohne es selbst zu merken. Du redest und redest und manchmal, da merkst du nicht, dass sich ein paar Gedanken einschleichen. Das, was du wirklich denkst, woran du glaubst, und du bist so verletzlich und so erleichtert, dass niemand es merkt, dass dir eigentlich niemand glaubt, dass deine Worte hingenommen werden, benickt. Du sammelst Lächeln. Jene unbeschwerten.
Du fürchtest dich so sehr vor Stille. Vor Stillstand und Stillstehen und Stillbleiben, vor peinlicher Stille und jener viel zu lauten Stille, die in den Ohren wehtut. Du brauchst Stimmen aus Mündern und Bildschirmen, brauchst ein bisschen inszenierte Menschlichkeit. Niemals würdest du das zugeben.
Und ich sehe dich meist von der Seite, da ist immer ein bisschen Distanz, die verschleiert, alles weich zeichnet, und die harten Züge, die du krampfhaft in dein Gesicht zu zaubern versuchst, beinahe ganz verschwinden lässt.
Ich wünschte, du könntest das auch - dich so sehen, wie ich dich sehe. Ich weiß, was für ein Satz das ist und dass du ihn hassen würdest. Du würdest ihn aufrichtig hassen wollen, mit jeder Faser deines Seins. Ich sehe dich dabei scheitern. Sehe, wie du im Kopf durchspielst, wie es sein müsste, wie du dabei aussehen und dich fühlen müsstest. Und du scheiterst an deiner Nicht-Wut, du brichst zusammen unter all dem Hass, den es in dir einfach nicht zu geben scheint.
"Vielleicht ist das die Tragik unserer Generation", sag' ich immer und meine nichts Bestimmtes. Ich spreche von allem, von jedem Augenblick, jedem Staubkörnchen. Und du, du schnaubst dann immer, und manchmal, ganz selten, da verdrehst du sogar unmerklich die Augen. "Was für eine Generation", sagt du dann, "So was gibt's nicht. Wir sind zu wenige und zu schwach. Jeder einzelne versucht so sehr zu sein, einfach zu sein, und niemand will anerkennen, was für ein Kraftaufwand das ist. Wir sind einfach zu schwach, um zusammen zu sein und zusammen zu bleiben." Wir seien losgelöst und würden gleichzeitig an unseren Betten kleben, sagst du, in unseren Wohnungen, an unseren Vorstellungen und dem, was wir einfach nicht aus unseren Köpfen bekommen.
Und manchmal sehe ich dich an und merke, wie du die Augen schließt und ganz still wirst. Wie du dieses müde Lächeln lächelst, das schon beim bloßen Hinsehen schmerzt. Und ich will dir so gern helfen, dich retten und mich retten und dich lächeln und es so meinen sehen. Aber ich bin zu schwach, ich lasse den Moment vergehen, strecke nur halbherzig meine Hand nach ihm aus, in dem sicheren Wissen, ihn nicht zu fassen zu bekommen. Es ist - nicht zu fassen.
"Wenn es das ist, was dir dabei hilft, den Tag zu überstehen -", höre ich mich lügen und den Faden wieder aufnehmen. Und du öffnest die Augen - ich bilde mir ein, ein stummes Flehen in ihnen zu erkennen -, du lächelst - ich sehe dich leise den Kopf schütteln, obwohl dein Körper, alles an dir, starr ist -, siehst mich an und beginnst darüber zu reden, dass du noch deine Wäsche waschen wolltest. Es sei vielleicht schon zu spät, sagst du. Zu spät, denke ich und muss fast grinsen. Ich weiß nicht, ob du's schaffst, so traurig war ich noch nie.

1 Kommentar:

  1. wow, klasse text
    ich mein, so voller wahrheit udn verquertheit und irgendwie finde ich so viel von meinem leben darin wieder... ka
    toll geschrieben

    wie gehts dir?

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