Jedes Mal, wenn ich zur Tür hinausstürze, die Treppe runter, erwarte ich den unbarmherzigen Fall. Der Teppich wird weichen, unter meinen Füßen wegrutschen - Läufer, denke ich, Läufer, denke ich, will ich nicht sagen; ich verwehre mir nicht die Sprache, nicht das Reden, die Unterredung, nur das ein oder andere Wort -, ich werde fallen.
Ihr sitzt da zusammen im Halbdunkeln. Du und ein Jemand. Stöbert ein bisschen in Erinnerungen und du hältst bei jeder Gelegenheit den Atem an, fürchtest dich vor beinahe allem.
Du siehst, wie fremde Hände die glänzenden Oberflächen deiner vermeintlichen Seele anfassen. "Wer ist das?", fragt dich die Stimme, die du einmal gern gehört hast. "Niemand", sagst du, "niemand von Bedeutung." Und du verzweifelst. Glitzernde Augen. "Was ist los?", fragt man dich. "Nichts", sagst du, "nichts, ich hab' mich nur an etwas erinnert." Dann lässt man dich in Ruhe. "Ach so." Alle wissen bescheid, ach so ist das, es wird akzeptiert und du allein gelassen. Mit den glänzenden Oberflächen und Oberflächlichkeiten, die wenigen Fingerabdrücke siehst du gar nicht mehr.
Du brauchst nicht auf die Rückseite zu schauen, brauchst nicht das Datum zu betrachten, die blassblauen Zahlen sind nicht wichtig. Du weißt auch so, ob noch alles in Ordnung war, als das Foto aufgenommen wurde. Du weißt, dass alles verblasst, wenn eine Katastrophe bevorsteht, weißt, dass die Umgebung plötzlich wie durch Milchglas betrachtet erscheint. Nur das wirklich Schlimme ist deutlich erkennbar, als hätte die Kamera-Fokussierung dir das Grauen in aller Schärfe vor Augen führen wollen.
Du siehst es, siehst den kleinen Körper, die kümmerliche Gestalt, das schwarze Fell. Und du siehst dich und nicht einmal den Versuch, die Trauer zu verstecken. Niemand will, dass du in die Kamera lächelst, wenn du den Tod in Händen hältst. Es wird still abgedrückt. Wieso haben wir uns das bloß angetan, frag' ich mich. Den Tod zu bannen, das kann doch nicht gut gehen. "Schon neun Jahre ist das her", hörst du jemanden neben dir sagen. Und du denkst entweder "Hier gab es noch keine Schlaflosigkeit, keine Probleme, keine müden, traurigen Augen, siehst du? Weißt du noch?" oder "Das war wohl der Anfang vom Ende." Aber das einzige, was du sagst, ist vielleicht "Ja" oder "Mach mal schneller" und du verkrampfst dich und musst manchmal weggucken, weil du es einfach nicht erträgst.
Aber weißt du, wie das ist? Wenn du nur aus Vergangenheit bestehst. Wenn dein ganzer Körper gegenwartslos ist. Wenn du glaubst, nicht bestehen zu können - ohne Konservierung. Wenn du ständig fürchtest, du, dein Jetzt würde nicht zählen, solange es für andere nicht fassbar ist - es ist nicht zu fassen. "Das bist du?", fragt man dich. "Nein", sagst du, "nein, natürlich nicht. Sieh mich doch an, ich seh' mir doch gar nicht ähnlich. Wenn ich's wäre, meine ich ... ich würd' mir doch gar nicht ähnlich sehen, wenn ich das wäre."
Du hast solche Angst, dass jeder Jemand dir den Rücken zudrehen wird, nachdem er dort mit dir im Halbdunkeln saß und dein vergangenes Leben verurteilte, dein Aussehen, alles an dir. "Nein", würde Jemand sagen, "nein, das geht wirklich nicht, ich muss jetzt gehen." Und du vergisst die Zeit, stehst unter der Dusche und liest "Kirschblüte", liest "Kirschblüte" und siehst Kirschen und Blüten, siehst Kirschblüten und Kirschen. "Irgendwas ist da zu viel", denkst du und belächelst dich im selben Atemzug/Augenblick selbst. Die klatschnassen Haare hängen an deinen Schultern herab (wenigstens wirken sie auf die Weise noch länger) und du betrachtest dich im Spiegel, obwohl es dich umbringt.
Du wirst nicht zu dir selbst finden, das ist Fakt. Das wäre traurig, natürlich wäre es das, aber du bist zu weit gegangen, weißt du. Das klingt gar nicht so schlecht, klingt nach Fortschritt, nach Weiterentwicklung, aber du hast die Gegenwart vergessen. Du bist so sicher, dass du nicht ausreichst, dass alles Verborgene, alles, was du vergessen willst, dich früher oder später einholt, dass du schlichtweg vergisst, wie es wäre, in der Jetztzeit zu leben. Es gibt keinerlei Beweis, dass du nicht ein Geist (aus) der Vergangenheit bist.
Da ist eine Lücke, ich weiß nicht, wann es losging, vielleicht warst du zehn, das ist möglich, alles, was vorher war, ringt dir sogar noch ein Lächeln ab, du lächelst und meinst es so und dir steigen Tränen in die Augen, du lächelst und bist ganz kurz glücklich. Der Vergangenheit willen.
Und das Schlimmste ist - du findest es so erträglich. Du brauchst so wenig - es wirkt nicht so, weil du Sachen kaufst und manchmal, da trinkst du zu viel. Es fällt nicht auf, aber du gibst dich zufrieden, nimmst es in Kauf, nimmst es einfach hin und an, als wäre nichts dabei.
Und nur wenn du diejenigen siehst, die keine Gegenwart mehr haben, merkst du es. Merkst, dass es einfach nicht vergeht, dass du nicht vergisst. Du kannst dich beschweren, kannst sooft du willst sagen, wie unfair das alles ist - es bringt nur nichts. Du kommst nicht drüber weg. Du fällst und fällst. Und dir kommt einfach nicht die Erlösung des Aufpralls zuteil.
der aufprall kommt. und es geht ganz schnell.
AntwortenLöschenIch weiß nicht ganz, worum es dir persönlich beim verfassen ging, ich weiß allerdings, worum es mir beim lesen ging. Ich muss sagen, ich bin wiedermal mehr als beeindruckt und frage mich oft, weshalb du schreiben kannst, was ich mich nur zu denken traue.
AntwortenLöschenLina (: