Samstag, 4. September 2010

Pestizid

Der Weg ist nicht lang, nur mal eben in die Innenstadt, links, links, rechts, links, links, schon bin ich da. Vorsicht, Umbauarbeiten! steht auf einem gelben Schild in der Bank, das danach aussieht, als wäre eben gewischt worden. Bestimmt bin ich nicht die einzige, die das denkt. Man muss sich bücken, um hineinzukommen.
Kurz bevor ich eintrete, lasse ich die Kopfhörer in der Jackentasche verschwinden. "Ich wollte das hier abgeben", sage ich und krame in meiner Tasche, obwohl sie fast leer ist. Irgendwie ist so etwas beruhigend, einfache Gesten und Handlungen, die nicht nötig, aber auf eine irrationale Weise tröstend sind. Die vermeintliche Hektik meiner rechten Hand, der ungeduldige Blick der Frau hinter dem Stehtisch, ihre Finger, die auf die Scheibe, unter der ein Computer leise surrt (tut er nicht, aber ich stelle es mir gerne vor), tippen - all das vermittelt den Eindruck eines geschäftigen Freitagnachmittags. Geschäftig für Kleinstadtverhältnisse.
Die Straße runter, auf der anderen Seite schaue ich mir Filzstifte an, wundere mich, dass Kugelschreiber 8,45 kosten (obwohl ich einmal so einen hatte, der war super), blättere in Notizkalendern und verlasse das Geschäft, ohne mich zu verabschieden. Niemand steht an der Kasse, als ich gehe.
Es ist fast mein alter Schulweg, den ich wieder erkenne (eigentlich nie vergessen habe). Ich fürchte mich noch immer vor dem Hund, der schon vor dreizehn Jahren die vorbeigehenden Menschen anbellte. Er taucht nicht auf und ich wechsele die Straßenseite nicht, fühle mich unendlich mutig, jedenfalls glaube ich, dass ich das insgeheim tat. Vielleicht sogar, ohne es gemerkt zu haben.
Plötzlich ist da ein kleines blondes Mädchen. Lächelnd, rennend, mit einer kleinen rosa Jacke, einem kleinen rosa Rucksack, alles an ihr ist klein und entweder rosa oder niedlich oder sogar beides. In diesem Moment will ich mich hinhocken, ihr Hallo sagen und vielleicht "Cooler Rucksack, den du da hast", ihr einen Anhänger schenken, den ich gar nicht besitze. Aber ich wünschte, ich hätte einen, immer dabei (Zigaretten wünsche ich mir in dem Moment auch, wenigstens, um jemandem eine anbieten zu können und mit ihm in stiller Übereinkunft unsere Lungen ein wenig zu verpesten; den rauchenden Anzugträger zu fragen, traue ich mich allerdings nicht), eine Kuh vielleicht, oder einen blöden Bären. Mit viel zu niedlichen, viel zu großen Augen, in bunten Farben - entzückend.
Ich wünschte, ich hätte so etwas. Würde mich hinhocken und ihr diesen blöden Bären-Anhänger schenken und mich gut fühlen. Nicht weil ich ihr den blöden Bären-Anhänger geschenkt habe, sondern weil ich ihr nicht gesagt habe, was sie noch vor sich hat. Weil ich nicht über das Leben klagte und alles einem blöden Bären überließ, der nicht mal atmet.
Ihre Mutter ist nur wenige Meter hinter ihr, strahlt mich an und in ihrem Blick liegt nur die reinste Liebe zu diesem kleinen Mädchen. Ich wünschte, ich hätte die Kopfhörer in meiner Jackentasche gelassen. Hätte nicht so abgeschottet ausgesehen. So unantastbar. Obwohl das nie schaden kann. Es ist einfach sicherer.

1 Kommentar:

  1. schön geschrieben :)
    versteh was du meinst
    iwie hab ich das gefühl frher war sowas einfacher, wir isolieren uns immer mehr von anderen, es ist kaum noch normal, einfach mit fremden zu reden etc.
    nicht mal die nachbarn grüßt man mehr, jedenfalls kaum jemand-

    AntwortenLöschen