Ich weiß, dass Werbungen lügen. Dass niemand (oder kaum jemand) wie die Menschen, die das Fernsehprogramm zerstückelnde Verbraucherhinweise bestimmen, aussieht. Dass diese Menschen eigentlich keine Menschen sind, nur technisch erzeugte Schatten ihrer Selbst, Illusionen der Makellosigkeit.
Dennoch bewahrt mich dieses Wissen nicht davor, das zu empfinden, was die Köpfe und Hände hinter der Werbung beabsichtigen. Ich will nicht die Produkte, an die ich nicht glaube, auch wenn neun von zehn Frauen sie ihren Freundinnen empfehlen würden. Ich glaube an die Sternchen, an die Zusatzklauseln, die mir verraten, dass neun von zehn Frauen ihre Freundinnen hassen. Ich will nicht den Stein der Weisen, aber ich will glänzendes langes Haar ohne Spliss, in einem satten Farbton, der nie fahl wirkt. Reinste Haut, elfengleiche Blässe, astronomisch lange Wimpern, kein Gramm Fett zu viel, keine dunklen Schatten unter den Augen, nicht die winzigste Kleinigkeit, von der ich glaube - nein, sicher weiß -, dass sie jeder sieht und mich dafür hinter vorgehaltener Hand verurteilt. Mit dem Lächeln der Überlegenen.
Das Dilemma an der Sache ist, dass ich keine künstlich erzeugte Perfektion anstrebe. Die wäre - zwar theoretisch, aber dennoch - erreichbar, sie befindet sich noch knapp im Bereich des Möglichen. Und ist insofern nützlich, als dass man sie als Platzhalter verwenden kann. Für das Glück, das ausbleibt, aber über einen hereinbrechen muss, sobald man seine äußere Hülle mithilfe diverser Nachbildungen von Jugend und Reinheit vervollkommnt hat.
Bloß dass ich Perfektion einzig und allein in Verbindung mit Natürlichkeit schätze. Ich will von Natur aus wie eine der Frauen aus der Werbung aussehen. Das ist nun ohne Zweifel schlichtweg unmöglich. Selbst wenn ich den Begriff des Anfangs als willkürlich, als frei wählbar betrachten würde, ihn beliebig an einen geeigneten Moment in meinem Leben setzen könnte, ist es unwahrscheinlich, dass ich eines Nachmittags erwache und beim Blick in den Spiegel jubiliere, weil über Nacht etwas mit mir passiert ist, das normalerweise nur die Werbemenschen auf die Bildschirme zu bannen verstehen.
Diskussionen über unser krankes Schönheitsideal lassen mich weitestgehend kalt. Ich kann jeden verstehen, der längere Beine, Wimpern, Haare haben will, reinere Haut, perfekte Proportionen. Ich will nicht einsehen, dass wir unsere Erwartungen, von denen wir uns nicht trauen, sie als Erwartungen zu betiteln, weil dies implizieren würde, dass wir uns Hoffnungen machen, dass wir noch immer nicht ganz am Ende sind, dass wir diese Erwartungen zu unserer Persönlichkeit formen - auf eine Weise, die nichts mehr übrig lässt, als eine kranke Unzufriedenheit, die uns zerfrisst.
Und es ist, als hätte diese Unsicherheit Besitz von mir ergriffen. Als würde die jede Faser meines Ichs so sehr beanspruchen, dass ich gar keine Chance mehr habe, davon loszukommen. Insgeheim weiß ich, dass es keine Rolle spielt. Dass widerspenstige Strähnen keine Rolle spielen, dass rot unterlaufene Augen nicht ins Gewicht fallen, gar nicht ins Gewicht fallen können. Dass man nicht für die schlecht sitzende Hose verantwortlich gemacht werden kann, weil man nur als Ganzes zählt.
Damit sage ich nichts Neues. Ich wage kaum, von inneren Werten zu sprechen, jeder weiß, was es mit ihnen aus sich hat. Trotzdem kann ich nicht aufhören, mein Schaufenster-Spiegelbild zu kontrollieren, zu verfluchen und bekümmert den Kopf zu schütteln, in Gedanken jemand anderes, nur nicht ich selbst.
Allerbester Eintrag, den ich seit langer Zeit gelesen habe. Wirklich, genau das auf den Punkt gebracht, was niemad zu denken traut, weil die Gesellschaft einfach andere Gedankengänge vorgibt.
AntwortenLöschenGruß Lina o: