Mittwoch, 4. August 2010

D.B.

Diese Worte dienen der Zerstreuung. Ich beginne auszusieben, zu beurteilen, zurückzuhalten. Mein Leben zu zensieren, zu konzentrieren. Immer wieder zu konservieren. Aber auch der Paranoia entgegenzuwirken. Menschlichkeit zuzulassen und nicht jegliches Potenzial im Keim zu ersticken. Vielleicht sogar ein bisschen an Zukunft zu glauben. Meine und die aller anderen. Mich nicht von Angst dominieren zu lassen.
Das ist kein Optimismus, es ist lediglich der Versuch, dem Nicht-Leben zu entgehen. Ihm nicht zu erliegen. Ich muss mir bloß vor Augen halten, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt. Ich bin nicht an Farben und Regenbögen interessiert (jedenfalls nicht im metaphorischen Sinne), mir reicht Grau. Alle Nuancen.

In zwei Monaten beginnt etwas, das man Leben nennen könnte. Ich bin nicht spät dran, ich habe mich bisher bloß ein wenig zurückgehalten. Das ist völlig in Ordnung, nicht gut, aber okay. Und "okay" ist zumindest (oder auf jeden Fall) besser als schlecht. So muss ich die Dinge sehen. Oder anfangen, sie so zu sehen.
Was ich vermissen werde: Mamas Käsekuchen (nicht der süße Käsekuchen, sondern einer, der seinem Namen gerecht wird) und die Tatsache, dass sie die Wäsche übernimmt, Telefonanrufe, die ich ignoriere, Spontanzusammenkünfte mit Menschen, die nur einen Satz entfernt sind, das Wissen darüber, dass gemeinsame Abneigungen und Ängste zusammenschweißen können, den Keller im Sommer und alle, wirklich alle, denen ich je über den Weg gelaufen bin. Noch ist es nicht soweit, aber ich weiß, dass Holden recht hatte, er kann sich nicht getäuscht haben - "Man sollte nie jemand etwas erzählen. Sonst fangen sie alle an einem zu fehlen." Aber auch: die Freitagnachmittage, die von einer Melancholie bestimmt waren, die erträglich war.
Was ich nicht vermissen werde: das Pfeifen im Haus, das nächtliche Umherschleichen, um niemanden zu wecken, Haushaltspflichten (nicht viele, wie ich fairerweise zugeben muss), vorwurfsvolle Blicke aufgrund unkonventioneller Aufstehzeiten und das Kleinstadtleben als Mittelpunkt meines Daseins.
 
Die Angst ignoriere ich erst einmal. Das erscheint mir mehr als vernünftig. Zeit bleibt dafür noch genug. Wenn nicht dafür, wofür sonst?
In diesen Jahren ist mir klar geworden, dass niemandem die glückliche Gabe verliehen ist, sein ganzes Leben lang Kind zu bleiben. Man wird älter, hört auf Kind zu sein, wird zu groß, zu ernst. Manchmal habe ich den Verdacht, Erwachsene sind gestorbene Kinder. Wenn es so ist, dann ist auch meine Schwester gestorben und eine Frau ist an ihre Stelle getreten, eine blöde Kuh in roter Unterwäsche.
"Darf sie einfach in der Unterhose draußen rumliegen?", frage ich meine Großmutter. Sie hält mir entgegen, das Ding heiße Bikini. Ich sage nichts dazu. Ich finde es traurig, dass Großmutter die Dinge nicht bei ihrem richtigen Namen nennt, es ist traurig und sieht ihr gar nicht ähnlich. Ich gehe ums Haus herum und etwas sitzt auf meiner Schulter und flüstert mir Dunkles ein. Ich fühle mich von toten Kindern umringt.

- Jón Kalman Stefánsson ("Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit")

2 Kommentare:

  1. zum glück muss man nicht sterben um älter zu werden, man kann das kind auch weiterleben lassen
    am besten geht das, wenn man auch von kleinen menschen umgeben ist :)
    ich mag tote kinder nicht

    ich will krummeluspillen

    AntwortenLöschen
  2. Der Weg hinaus in der Welt, ist schwer zu gehen, aber er ist der einzig richtige. Er wird dich Stück für Stück erfüllen, denn der Weg ist das Ziel!

    AntwortenLöschen